Rennberichte

Post W2W 1.1

Das Gesicht ist wieder sauber, der Staub hat sich langsam aber sicher aus der Lunge geschafft, das Bike geputzt und so langsam aber sicher sind auch die Beine & Körper erholt. Die vergangenen fünf Tage waren ein regelrechter Kampf und zum Glück war ich mir dessen bereits im Vorfeld bewusst und so konnte ich mich mental darauf einstellen. Durchstehen und das ganze über mich ergehen lassen war die Devise, denn dagegen ankämpfen ist sowieso aussichtslos! Der Körper holt sich praktisch immer, was er braucht!

Nach jedem grossen Erfolg folgt meistens eine gewisse Genugtuung und Leere, doch während der Saison folgen die Rennen ja im Wochentakt und so bleibt oftmals gar nicht viel Zeit zum Nachdenken oder Runterfahren. Für das Wines2Whales hatte ich nach Spanien (Almeria) genügend Zeit für die Vorbereitung und es war ein grosses Saisonziel von mir, dieses Rennen noch einmal zu gewinnen. Das Rennen forderte mir nicht nur körperlich, sondern vor allem mental extrem viel ab. Der turbulente Auftakt, die hektische 2. Etappe, das nervenaufreibende Finale und die enorme Genugtuung nach dem Sieg brachten mich ans Limit. Was diese Woche nun fehlte war das unmittelbare nächste Ziel und so überkam mich eine grosse Müdigkeit und ich erlebte ein richtiger «Shutdown» des Körpers. Ich habe dieses Jahr schon sehr viel von ihm verlangt und so gönnte ich ihm auch die wohlverdiente Ruhe.

Nachdem mein Teamkollege am Montag nach Johannesburg zurückreiste, wechselten auch wir die Unterkunft und reisten zu Freunden nach Nordhoek (bei Kapstadt). Dort verbrachten wir ein paar ruhige Tage, ehe ich meine Frau am Freitag zum Flughafen brachte und zurück nach Sommerset West kehrte. Vera wird an den kommenden beiden Wochenenden die zwei 94.7 Rennen in Johannesburg bestreiten (MTB & Strasse), ehe sie wieder ans Kap zurückkehrt. Ich hatte für eine weitere Reise schlicht keine Energie und Motivation mehr und so werde ich die Woche in der Region Stellenbosch verbringen. Mein nächstes und letztes ernsthaftes Rennen in diesem Jahr wäre eigentlich der Desert Dash in Namibia, doch seit längerer Zeit kämpfe ich auch da mit der nötigen Motivation dazu. Das Problem ist vor allem auch die Planung danach, denn wo werde ich die nächsten Rennen 2023 fahren, wann mache ich eine längere Pause, Cape Epic -ja oder nein usw. Für eine weitere erfolgreiche Teilnahme muss ich die Spannung im Körper und auch eine gewisse Form halten und dies fällt mir aktuell nach dieser extrem langen Saison sehr schwer.

Einige Ziele und ein grober Fahrplan hätte ich für die nächste Saison parat, doch aktuell fehlt es ganz einfach noch an der nötigen Unterstützung für die Umsetzung. Dass der Mountainbike Marathonsport eine Randsportart ist, dass weiss ich bereits seit meinem Wechsel zu Juniorenzeiten und doch gab es lange einen Boom in der Szene. Die aktuelle Lage sieht allerdings etwas weniger gut aus und ich kann oder würde an dieser Stelle auch gerne einmal Fakten nennen. Für grosse Rennen und Siege wie in Marokko, Almeria oder auch der Salzkammergut Trophy gibt es keinerlei Preisgelder. Weitere Rennen wie zB. Cape- und Swiss Epic verschlingen einiges an Budget und sind selbst mit Preisgeldern kaum auszugleichen. Die Bereitschaft, an gewissen Rennen mit so grossem Aufwand- und Risiko teilzunehmen, sinkt also immer mehr.

Ich blicke nun bereits auf eine sehr lange und schöne Karriere zurück und diese hat mit dem klaren Wunsch als bereits 10-Jähriger angefangen. Meine gesamte Jugend verfolgte ich den Traum, einmal als Fahrradprofi unterwegs zu sein. Durch viel Einsatz, Verzicht und Ausdauer verwirklichte ich nach 2011 meinen Traum und fahre seither als Profi. Der Weg dazu war eigentlich einfach. Profi wird man nur anhand entsprechender Resultate und so musste ich zuerst investieren und die nötigen und wichtigen Rennen fahren. Zwei Europameistertitel, ein Transalpgesamtsieg und drei Gesamtsiege der IXS Classic auf der Kurzstrecke ermöglichten damals meinen Einstieg in den Profisport. Danach verfolgte ich Ziele, welche mich im «Geschäft» hielten. Ich ging mehrheitlich meinen eigenen Weg und trotzdem unterhielt ich immer die nötige Unterstützung meines langjährigen «Arbeitgebers» Intercycle. Leider ging die Zusammenarbeit durch verschiedene Gründe 2019 zu Ende und nach einem für wohl die meisten Menschen auf dieser Erde missglückten 2020 war ich nun bereits die zweite Saison als «Einzelfahrer» unterwegs. Ich denke ich habe mit meiner Frau das Maximum mit unseren zur Verfügung stehenden Mitteln herausgeholt und ohne die missglückten Einsätze beim Cape- und Swiss Epic hätte noch mehr drin gelegen. Diese zwei Rennen schmerzten besonders, da ich Formtechnisch bei beiden für gute Resultate parat gewesen wäre. Die vielen erfreulichen Resultate daneben machten die Enttäuschungen aber wett und 2022 wird für mich so oder so als eines der besten in Erinnerung bleiben!

Mit dem Laufe der Zeit hat sich nun auch meine Position als Fahrer verändert. Die meisten bekannten Rennen dieser Welt habe ich nun über all die Jahre teilweise sogar mehrmals bestritten, ebenso die Eintagesrennen. Was sind also die nächsten mit meinen mir zur Verfügung stehenden Mittel zu realisierenden Ziele? Soll ich das mit viel Risiko verbundene «Cape Epic» wirklich noch ein weiteres Mal in Angriff nehmen? Welche Ziele verfolgt meine Frau und wie können wir den Weg gemeinsam gehen? Wie ihr seht gibt es viele Entscheidungen, die nicht immer so ganz leicht zu treffen sind und wir hoffen nun beide, dass wir in den nächsten Wochen mehr wissen und vlt. noch die eine oder andere Unterstützung für gewisse Projekte generieren können. Spätestens dann wird wohl auch wieder die nötige Motivation zurückkehren und vlt. schaffe ich dann auch den «Turnaround» für den Desert Dash!